Eine Diät kann zu einem besseren Körpergefühl verhelfen, aber auch der Anfang von einem Lebenslangen Diät Wahnsinn sein. Denn wenn ein junges Mädchen, durch Trend Diäten wie Low Carb und Binge Eating, verlernt zu Essen und fernab der Realität Kalorien zählt, dann darf ich hier genau von diesem Diät Wahnsinn sprechen.

Durch Zufall habe ich von Mya‘s (25) Lebens- oder besser Leidensgeschichte erfahren und wusste sofort, dazu muss ich einen Beitrag schreiben. Sie gehört für mich ganz klar in die Rubrik BEASTER, denn das was sie bis hierher in ihren jungen Jahren durchgemacht hat, nenne ich Kampfgeist mit Willen zum Sieg.

Im Leistungssport diente das Essen als „Mittel zum Zweck“.

Im Alter von 4 Jahren begann Mya mit dem Schwimmtraining. Sie arbeitete täglich, in der Disziplin Langstrecke Ausdauer, hart an ihrer Leistung, bis sie mit 8 Jahren Leistungsniveau erreichte.

Zigarette
Zigarette

Ein, für sie, ganz normaler Sommertag begann 6.30 Uhr mit dem Frühschwimmen im Freibad, nach der Schule ging es am Abend erneut für 1,5 h mit der Trainingsrunde Nummer zwei weiter. Das wiederholte sich jeden einzelnen Wochentag. Samstag und Sonntag stand Cardio Training „am Land“ auf dem Plan. „Ich stand unter enormen Leistungsdruck, mit 13 fing ich an zu rauchen, um diesem Druck, auch nervlich, standhalten zu können“, schleichend und zersetzend, machte sich diese Sucht, natürlich auch im Leistungsniveau, bemerkbar „aber es ging einfach nicht anders“, erzählt mir Mya. Lange muss sie sich zu der Zeit nicht mit diesem Gewissenskonflikt und die Abnahme der Lungenkapazität auseinandersetzen, denn mit 17 beendet Mya ihre Leistungsphase und tritt damals, aus Vertrauensgründen zum Verein, aus dem Schwimmclub aus.

Als Alternative zum Schwimmen meldet sie sich im Fitnessstudio an und geht noch regelmäßig joggen. Mit dem Austritt aus dem Schwimmclub fällt Mya jedoch in ein Motivationstief, das auch ihr Leistungsniveau rapide sinken lässt. Ihre Demotivation führt zu einem Trainingsabfall von 70% bei dem Mya allerdings vergisst ihre Essgewohnheiten anzupassen. Sie sagt „Essen diente im Leistungssport immer als Mittel zum Zweck, durch Weizenbrot, Nudeln, Müsli und Eiweiß-Shakes kam ich an die schnellen Kohlenhydrate und darauf bin ich auch hängen geblieben.“

Drastischer Lebenswandel

Der gesunde Lebensstil den Mya bislang führte, änderte sich drastisch. Warum?
Die fehlenden Trainingspflichten und Leistungsziele verschafften ihr plötzlich Freizeit. Zeit, die sie wie Freunde in ihrem Alter nun mit Partys füllen DURFTE, jede Minute ihres Lebens hatte Mya nun zur freien Verfügung, die sie „ohne Rücksicht auf Verluste“ anfing zu genießen. Zum Feiern gehörten für sie auch exzessiver Alkoholkonsum, weiterhin die nervenberuhigenden Glimmstängel und der „after-party“ Fast Food Konsum.

Warum die Menschen in Mya’s näherem Umfeld sie vor diesem ungesunden Lebenswandel warnten, begriff sie erst, als sie ein halbes Jahr später plötzlich Blut spuckte. Nach einem Untersuchungsmarathon im Krankenhaus wurden Tumorgeschwüre in ihrer Magenschleimhaut entdeckt, die sich glücklicherweise als gutartig herausstellten. Im Rahme dieser Untersuchungen stellten die Ärzte jedoch sehr schlechte Blutwerte fest: „mineral- und vitamintechnisch lief mein Körper im Minimum auf Sparmodus“, sagt Mya.

Cortison, die Kur der unkontrollierten Gewichtszunahme

Daraufhin wurde ihr eine Cortison Kur verordnet: 12 Wochen mit entsprechenden Infusionen sowie einer zusätzlichen Vitamin- und Bewegungstherapie. Damit sollten die Geschwüre bekämpft und ihre Blutwerte wieder normalisiert werden. Es ist allgemein bekannt, dass Cortison sich nicht nur positiv auf dem Körper auswirkt, im Fall von Mya führt die Kur zu einer Gewichtszunahme von fast 40 Kilo. Sie wog mit ihren 18 Jahren nun 110 kg, größtenteils bestehend aus puren Wassereinlagerungen. Die Muskeln verschwanden, die Dehnungsstreifen nahmen zu und ihr Selbstwertgefühl folglich ab.

Bildung als neue Leistungsorientierung

Diät Wahnsinn - Mya 2010
Mya 2010

#1 LOW CARB

Trotz aller Tiefschläge beschloss Mya, ihr Abitur nachzuholen. Ihr fülligeres Körpergefühl erwies sich als zusätzliche Belastung mit psychischem Druck. Ein logischster Ausweg schien für sie eine Diät zu sein, also startete Mya mit dem LOW CARB Wahnsinn – erfolgreich! Über mehrere Monate nahm sie 15 kg ab. Der Erfolg dieser Essform stieg ihr allerdings unkontrolliert zu Kopf und sie entwickelte den Gedanken: „Wenn Low Carb schon solche Erfolge zeigt, wie gut wird dann erst NO CARB funktionieren?“ – eine Tracking App half ihr sich zu kontrollieren, pausenlos stand sie unter eigener Aufsicht!

#2 Binge Eating

„Wenn man keine Kohlenhydrate braucht, kann man doch auch ein paar Tage die Woche komplett auf’s Essen verzichten, dachte ich mir“ erzählt Mya. Sie startete also Diät Form 2: Das binge eating. Diese Diät verbietet drei Tage das Essen und erlaubt am vierten Tag die totale Eskalation (die Zeitspanne ist variabel). Was aber passiert, wenn der Körper weiß, dass er zwischendurch immer auf Sparflamme gehalten wird: Er speichert sich Fettreserven. Das hatte natürlich wieder eine Gewichtszunahme zur Folge die Mya in ihrer Abi-Phase mehr zu schaffen machte, als der eigentliche Lernstoff. Auch wenn ihre Selbstwahrnehmung nach außen stark und positiv wirkte, zeigten sich zunehmend depressive Züge, was sie zur Inanspruchnahme psychologischer Betreuung bewegte.

Diät Wahnsinn - Mya 2012
Mya 2012

Mit psychologischer Hilfe zurück zur Realität

Mya hatte den Bezug zur Nahrungsmittel Normalität völlig verloren, in den wöchentlichen Sitzungen bei einer Psychologin (ohne zusätzliche Medikamente) wollte sie ein normales Essverhalten wiederfinden.

Sie bekam die Aufgabe ein Ernährungstagebuch zu führen, in dem sie alle Mahlzeiten und Zwischenmahlzeiten festhalten sollte, ohne dabei die Kalorien zu zählen. Sie wurde zu drei warmen Mahlzeiten am Tag verpflichtet mit der Option gesunder Zwischenmahlzeiten. In den regelmäßigen Sitzungen wurden Mya die Lebensmittel und deren Nutzen erklärt. Sie lernte neu das Essen und begriff, dass es keine guten oder bösen Lebensmittel gibt. Das Wissen half ihr dabei, sich nichts mehr zu verbieten und sich nicht für einen Schokoriegel mit dem Hungern zu bestrafen. Sie spricht heute von einer erfolgreichen Therapie, final hatte sie kein gestörtes Verhältnis mehr zum Essen. Sie verlor auch während dieser Zeit das erste Mal langsam und auf gesunde Weise an Körpergewicht und begann wieder sich mit sportlichen Aktivitäten.

Die einzige Regelmäßigkeit eines Studenten ist seine Unregelmäßigkeit.

Diät Wahnsinn - Mya 2014
Mya 2014

Nach dem Abitur zog Mya weit weg von zu Hause, um ihr Studium zu beginnen. Sie hatte Lebensmut, Energie und Motivation für einen neuen Lebensabschnitt. Gleichzeitig bedeutete es, weg von den neu gelernten Regelmäßigkeiten und Gewohnheiten, hin zum Studentenleben. Jeder weiß, dass dieses Leben aus Unregelmäßigkeiten, Fast Food, Partys und eher wenig sportlicher Aktivitäten besteht (Ausnahmen bestätigen immer die Regel) und so passte sich auch Mya ihrem Umfeld an.

#3 Alternierendes Fasten

Um möglichst lange ihre körperlichen Erfolge zu halten, versuchte Mya das alternierende Fasten: einen Tag alles Essen/Trinken und am nächsten Tag fasten: „Das war im Studenten-/Partyalltag die optimale Variante, um nicht direkt wieder zuzunehmen“, sagt sie. Zieht man diese Diätform allerdings über Monate durch, passt sich auch der Stoffwechsel wieder an – sie nahm wieder zu.

#4 Stoffwechselkur

Sie hatte natürlich Angst wieder „zu viel“ zuzunehmen und startete darum direkt mit einer der krassesten Diäten – die Stoffwechselkur. Diese startet mit 2-Schlemm-Tagen, geht dann direkt über in die Diätphase (21-Tage) und MUSS sich in der Stabilisierungsphase auf den Erhalt des Idealgewichtes vorbereiten. In den 21 Diät-Tagen sind pro Tag nur 500 kcal erlaubt, wohingegen man in der Stabilisierung wieder auf normale 1800kcl erhöhen darf. Mya verlor so in 3 Wochen erneut 12 kg, ließ allerdings die Stabi-Phase aus und wurde vom JOJO-Effekt heimgesucht, sodass die einige Wochen nach der Stoffwechselkur 3 kg mehr als vorher auf die Waage brachte.

Die Liebe bringt den Wendepunkt.

Als sich im Oktober 2016 Mya’s Freund von ihr trennt, bekommt sie schlagartig depressive Schübe und beginnt ihre Einstellung zu sich und ihrem Leben zu hinterfragen. „Ich wusste, dass ich mein Leben ändern muss, um eine langfristig glückliche Beziehung führen zu können“ erzählt sie mir. Glücklicherweise merkten beide schon nach einer Woche, dass sie nicht ohne einander können und kamen wieder zusammen. Trotzdem reichte dieser Zeitraum für Mya aus, um sich selbst in den Arsch zu treten und ihr Leben/ Essverhalten in geregelte Bahnen zu bringen.

„Ich schränkte meinen Alkoholkonsum um 80 % ein, wodurch sich automatisch mein Bedürfnis nach fettigem Essen verringerte. Mein Freund unterstützt mich seitdem mehr denn je, weil er gemerkt hat, wie wichtig er mir ist. Ich will das hinbekommen, für uns!“

#5 Weight Watchers

Das bedeutet nicht, dass sie nicht weiterhin empfänglich für Maßnahmen war, die ihr dabei helfen können zu einem wohligerem Körpergefühl zu finden. Mit Weight Watchers fand Mya wieder zu einem regelmäßigen Tages- und Essablauf. Sie begann wieder Joggen zu gehen und meldete sich sogar im Fitnessstudio an. Nachdem sie das fast ein Jahr durchzog, trat im Sommer 2018 der Feind, die Unregelmäßigkeit, wieder zurück in ihr Leben – Sie nahm erneut zu. Als ihr die Waage ein Körpergewicht von über 100 kg anzeigte, beschloss sie, diese rauszuwerfen. Seitdem nimmt sie ihre Kleidergröße als Kontrolle „Wenn etwas zwickt, dass mir vorher passte, fühl ich mich sofort wieder unwohl und bekomme schlechte Laune“.

Flucht vor der Realität

In dem Moment als Mya ihre Waage rauswarf, war sie sich bewusst fortan keine messbare Kontrolle mehr über ihren Körper zu haben, sie gesteht: „Ganz ehrlich, ich habe Angst vor dem Realitätsschlag, der sicherlich wieder etwas in meinem Denken und Handeln verändern würde, derzeit fehlt mir jedoch der Mut dazu“. In den 5 ½ Jahre Studium (also 2013 – 2019) lebte sie mit Gewichtsschwankungen bis zu 30 kg – angefangen bei 85 kg – 120 kg. Auch wenn sie aktuell in gewisser Weise flüchtet, hat sie kein zwanghaftes Bedürfnis mehr nach radikalen Veränderungen, trotzdem ist sie sich bewusst, dass sich erneut etwas ändern muss.

Aufbau einer mentalen Gesundheit

Wir haben jetzt das Jahr 2019 und Mya hat sich langsam aber mit viel Unterstützung und eigener Willenskraft auf den Weg einer mentalen Gesundheit gekämpft. Auch wenn gerade die Größe 44 nicht mehr passt, geht sie diszipliniert zum Sport und probiert immer Mal wieder verschiedene Methoden, wie Zuckerfasten, aus, die ihr weiterhin auf einem gesunden Lebensgefühl helfen können.

„Ich baue mir gerade Stück für Stück eine mentale Gesundheit auf. Ich habe mir dabei nicht wie sonst das Ziel gesetzt abzunehmen. Ich möchte einfach nur endlich zu meinen eigenen gesunden Essgewohnheiten finden, die mich weder Einschränken, noch Auspowern“.

Angst vor Diabetes

Mya 2019

Mya hat in ihrem jetzigen Bewusstseinszustand teilweise große Angst davor an Diabetes zu erkranken und geht darum mit großer Motivation, dem zu entkommen weiter voran. Sie hat verstanden, dass es das Wichtigste ist, sich selbst und nicht anderen Menschen zu gefallen. „Darum habe ich mir einen Ordner angelegt, in dem ich Bilder aus der für mich schlimmsten Zeit gesammelt habe, wenn ich jetzt wieder ein Problem mit meiner Motivation und der Kontinuität bekomme, rufe ich diesen Ordner auf und ziehe meine Kraft aus mir selbst“.

Da sie sich nun aber auch am Ende ihres Masterstudiums befindet, erzählt sie mir von ihrem Ziel danach. Mya strebt eine höhere Führungsposition an, für die es wichtig sein wird körperlich und seelisch fit zu sein. Zudem will sie wieder ohne das Branding „Übergewichtige“ unsichtbar durch die Stadt laufen können.

„Eis ruiniert nicht deinen Körper genauso wenig, wie Salat ihn nicht verschönert. Ich bin mein eigener Feind und Kämpfe weiterhin gegen meinen inneren Schweinehund. In kleinen Schritten werde ich immer mehr zu meiner mentalen Gesundheit finden“.

Nie wieder Diät Wahnsinn!

MYA’s TIPP: Ihr findet euch in meiner Geschichte wieder? Dann hört auf, in kürzester Zeit, so viel wie möglich erreichen zu wollen. GEDULD ist eine Tugend. Setzt dir keine Zeit Ziele! Egal wie alt du bist, es liegt an dir, wann du bereit bist dein bestes ICH und damit ein gutes Körpergefühl zu finden und damit dann glücklich zu leben. Geb dich nie auf, es lohnt sich immer, weiter zu kämpfen… zu dem Ziel eines gesunde Selbstwertgefühles, das jeden von uns glücklich und entspannter leben lässt. Und das Wichtigste akzeptiere auch Momente des Stillstandes, denn das ist besser, als in alte Muster zurück zu fallen.

Hacks:

  • Bestrafe dich nie für kleine Fehler, die du machst. Du bist eh schon dein eigener größter Feind. Versuch Freundschaft mit dir zu schließen.
  • Gönn dir auch mal was, verzichte nicht ständig und vor allem bau all das was du gerne isst mit in dein Leben ein, denn du lebst noch lange genug als ständig zu verzichten.
  • Lass das Auto mal stehen, lauf etwas mehr und wenn es nur ein paar Schritte am Tag sind, es bringt ungemein viel.
  • Mach dein Glück nicht von anderen abhängig. Lass dir nicht einreden, dass du dich so lieben musst, wie du bist und nicht so streng zu dir sein sollst. Wenn dir etwas nicht gefällt, ändere es. Tust du es nicht, jammre nicht rum. Selbstmitleid hat noch niemanden nach vorne gebracht.
  • Umgib dich nur mit Personen, die dich aufbauen und nicht die, die dich runterziehen.
never.give.up

Text by Julia Wolf | Persönliches Interview mit Mya | Bilder von Mya und pixabay.com